Dienstag, 18. Februar 2014

Gedanken zum Aufbrechen und zum Nester bauen

Zug fahren. Schon wieder. Langsam habe ich das Gefühl, mindestens die Hälfte meiner momentanen Lebenszeit zwischen den Bahnsteigen zu verbringen. Immer das Gefühl des Aufbruches im Nacken, das mir zuflüstert, wie sinnlos es doch ist, es mir gemütlich zu machen und zur Ruhe zu kommen. Immer geht es gleich weiter. Kurz nach soundso auf Gleis xy, keine Zeit mehr für eine Tasse Kaffee.
Und obwohl meine Züge nie wirklich schnell unterwegs sind, können meine Augen doch nie an einem Punkt verweilen um ihn näher zu betrachten, denn ein, zwei Wimpernschläge später fällt er der Geschwindigkeit zum Opfer.
Ein paar dicke, dösende Ponys, geduckte Häuser vor einer Reihe dunkler Bäume, ein Feld aus ineinander verschwimmenden Gelbtönen, ein Bild nach dem anderen. Zu schnell vorbeigezogen um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, ausgelöscht von einer Kurve oder einem vorbeifahrenden Zug der mir plötzlich die Sicht raubt.
Um mich herum scheint merkwürdigerweise alles aufs Bleiben und heimisch werden ausgerichtet zu sein. Hier ein Beispiel:
Heute morgen als ich (wie sollte es anders sein) am Hauptbahnhof auf meinen Zug wartete, sah ich eine Taube mit einem Zweig im Schnabel über die Köpfe der Wartenden bis unter das Bahnhofsdach flattern. Wenig später kam sie wieder heraus und machte sich erneut auf die Suche. Die ungeheure Präzision und ausgesprochene Pingeligkeit des Vogels faszinierten mich. Und das obwohl man der Taube doch nachsagt, ein relativ dummes Tier zu sein. Angesichts der Genauigkeit mit der sie jeden Zweig auf die passende Länge, Beschaffenheit und Biegsamkeit prüfte, halte ich das für ein allzu vorschnell gefälltes Urteil. Den Kopf beim Laufen unablässig vor und zurück bewegend und unter dem wachsamen Blick einer zweiten Taube, die ich mittlerweile im Dachgebälk entdeckt hatte, trug sie einen weiteren sorgfältig ausgewählten Zweig nach oben, dem wartenden Gefährten entgegen. Binden Tauben sich eigentlich ein Leben lang?
An diesem Punkt meiner Gedanken erwischte mich der kurz in den Hintergrund geschobene, aber doch nicht ganz vergessene Grund meiner Anwesenheit auf Gleis 11 des Kasseler Hauptbahnhofes: der Aufbruch.
Mein grade eingefahrener Zug öffnete bereits die Türen. Schon befand ich mich im Gedränge, welches für die Art von Leuten üblich ist, die unbedingt als erstes in einen Zug steigen müssen, der noch mindestens zehn weitere Minuten am Bahnsteig hält. Das unterwegs sein und das im Zug auf den unvermeidlich folgenden nächsten Aufbruch warten, hatte mich also wieder.
Circa sieben Stunden später, zuhause im heimatlichen Ostfriesland angekommen, denke ich wieder an das Verweilen und an das Nester bauen. Für die nächsten sechs Wochen zumindest, hoffe ich mein Nest hier behalten zu können.

 .
Perfekte Musik zum Nachdenken: 
Sigur Rós - Varúð

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.