Montag, 5. Oktober 2009

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
auf eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: "Bitte beuge mich!"

Der Dorfschullehrer stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

"Der Werwolf" - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
den Wenwolf, - damit hat's ein End'."

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
"Indessen", bat er, "füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!"

Der Dorfschulmeiser aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
Doch "Wer" gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.




Dies herrliche Wortspiel-Gedicht haben Berit und ich einmal in der achten Klasse in unserem Deutschunterricht vorgelesen und ein kräftiges Lob von der Lehrerin bekommen. ^^
Oh man, diese Wortspielerei ist ja auch einfach zu köstlich! Ach, da ich mich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken will bleibt noch zu erwähnen, dass es von Christian Morgenstern ist.

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